Leseproben ZdW
FB - Fußnote 6 - ZdW Seite 14 ff - ganzes Kapitel
Urahnen I
Mein Urgroßvater Franz
Mit ferner zurückliegenden Vorfahren ist es ja immer so eine Sache. Auf der Suche nach den eigenen Wurzeln kann man schon mal etwas in sie hineinprojizieren, was gar nicht da war. Und sie können sich auch nicht mehr wehren.
Ich habe meinen Uropa Franz, der eigentlich gemäß Geburtsurkunde Karl hieß, nie getroffen. Aber er stammt aus einem Zweig der Familie, der sich von Generation zu Generation gern und viel mit dem Weiterreichen von Familiensagas und Anekdoten beschäftigt hat, und so habe ich ein leidliches Bild von ihm – kein Foto, aber ein inneres Bild.
Er ist mir überliefert als einer, der auf dem Kohlenkasten gesessen und Bücher gelesen haben soll. Das machte ihn mir nicht nur sehr sympathisch, sondern es ließ ihn als einen einleuchtenden Vorgänger von mir erscheinen. Allerdings hatte er auch einen Wesenszug, der ihn mir eher unsympathisch machte und in meinen Augen eine genetische Verbindung zu mir geradezu in Frage stellen musste: sein absolut negatives Verhältnis zu Tieren.
Anders als sogar einige meiner Zeitgenossen erscheint mein Uropa in der Internet-Suchmaschine, wenn man seinen Namen eingibt. Schuld daran ist ein ins World Wide Web aufgenommenes Merseburger Adressbuch aus dem Jahre 1910. Da war meine Oma zwei Jahre alt, und mein Uropa wird unter seiner Adresse als Arbeiter geführt. Eigentlich war er Eisengießer. Vor allem aber war er da noch etwas entfernt von einem mehrfach einschneidenden Erlebnis, das Erster Weltkrieg hieß. Denn abgesehen von dem sozusagen „normalen“ Trauma eines Krieges kam mein Tiere hassender Vorfahre ausgerechnet zu den „Berittenen“, also zur Kavallerie. Und als ob das noch nicht genug des Bösen war, war sein vierbeiniger Untersatz ein Schimmel – ich verkneife mir nur mühsam den Doppelmoppel weißer Schimmel, aber eben darauf kam es sehr an. Denn das gute Tier, einmal frisch geputzt und gestriegelt und für den Appell bereit, wusste jedesmal die dreckigste, schlammigste Pfütze zu finden, um sich darin zu wälzen und alle Arbeit wieder zunichte zu machen. Die Anschnauzer seines vorgesetzten Offiziers gab Franz natürlich an das arme Tier weiter, welches sich nach drei Wochen rächte: Es trat ihn schmerzhaft an den Ellenbogen. Das war das endgültige Aus der Beziehung.
Zur finalen Rache aber brachte es ein weitaus kleineres Tierchen: eine Mücke. Diese brachte dem armen Franz die Malaria und damit das Ende der Kavalleristenlaufbahn. Vielleicht hatte sie ihn ja auf diesem Wege sogar vor Schlimmerem gerettet, vor weiteren Tieren allerdings rettete sie ihn nicht.
Denn der Uropa, nun in seinem Beruf nicht mehr erwerbsfähig, wurde Gärtner im Stadtpark. Und mit dem Job kam ein Tafelwagen für die schwereren Transporte: Kübel, Pflanzen und Abfall – und vornedran ein Esel. Dieser war an seinen bisherigen menschlichen Arbeitskollegen bestens gewöhnt, aber nun kam Franz, und eines Tages war der gewohnte Mann nicht da, und dann ...
Meine Uroma Berta stand gerade in der Küche, als aus dem nicht weit entfernten Park Kinder herbeiliefen und riefen, sie solle schnell kommen, ihr Mann schreie den Esel an und sei in der Gefahr, ihn am Ende gar totzuschlagen, weil der sich nicht bewegen wollte. In Schürze und Filzlatschen lief sie mit den Kindern zum Ort des Geschehens, wo sich schon eine riesige Menschentraube gebildet hatte – Fernsehen gab es ja damals noch nicht. Sie schob sich durch die Masse Schaulustiger hindurch, drängte ihren Mann von dem nach hinten nervös auskeilenden Tier weg und begann, es zu beruhigen und zu kraulen. Nach einiger Zeit war der Graue lammfromm; da flüsterte sie ihm etwas ins Ohr, und friedlich trabte der Esel mit seinem Wagen los. Franz konnte es nicht fassen!
Uroma hat dann an diesem Tag noch weitere Fuhren mit dem Esel gemacht, und ihr Mann war baff! Was nur hatte sie dem Tier ins Ohr geflüstert? Sie lächelte nur und meinte: „Das wirst du nie erfahren!“ Und so kam es auch – egal, welche Tricks er anwendete, es aus seiner Frau herauszubekommen ...
Aber das war noch nicht das Ende der tierischen Begebenheiten.
Merseburg hatte einen schönen großen Teich, darin ein Schwanenhaus mit etlichen Schwänen, Bänke, Beetanlagen und ein Gehege mit einem Affenpärchen namens Max und Ulla. Neben dem Gehege war ein geschlossener Raum für schlechtes Wetter, in den die Tiere durch eine Pendelklappe gelangen konnten. Im Herbst mussten die Affen ins Winterquartier gebracht werden. Ulla war zutraulich und schnell eingefangen, aber ihr Partner Max war gerissen und schlau. Immer wenn die Männer dachten, sie hätten ihn, schlüpfte er schnell durch die Klappe auf die andere Seite.
So positionierte sich je ein Parkarbeiter auf je einer Seite der Klappe. Sie erwischten Max genau in der Mitte: Jeder dachte, er hätte ihn, und der Affe würde sich an der anderen Seite nur festkrallen, bis sie bemerkten, dass von jeder Seite an dem Tier gezogen wurde: Einer zerrte an den Vorder-, der andere an den Hinterbeinen. Der arme Kerl ließ sich nun auch willig einfangen, die nächsten Wochen aber humpelte er, und er war natürlich auf keinen Zweibeiner mehr gut zu sprechen.
Nun, das war ich nach dem Hören dieser Überlieferung auch nicht, ich meine: gut zu sprechen auf meinen Uropa, der so gar kein Gefühl für Vierbeiner hatte ... die Zeiten waren generell schlimm in Sachen Tierschutz. Wer kümmerte sich schon um Tiere, wenn es in und nach dem Krieg so vielen Menschen so schlecht ging?
Übrigens, um auch etwas Positives über den urgroßelterlichen „Genpool“ zu sagen: Franz hatte ja noch Geschwister; darunter einen Bruder, der Zigarrenmacher und sehr schwerhörig war. Er hatte eine zahme Krähe oder Dohle in seinem Laden, und immer wenn Kundschaft kam, flog sie auf seine Schulter und meldete es ihm laut krächzend.
An diese überlieferte Episode musste ich denken, als uns viel später, in Irland, eine junge Krähe zum Aufpäppeln gebracht wurde, die mein „Crowhouse“-Logo begründet hat. Manches zieht sich eben doch wie ein Leitfaden durch die Familiengeschichte!
FB - Fußnote 11 - ZdW Seite 18 ff - ganzes Kapitel
Der Kirschkern
Erklärungsfehler, die vermeidbar sind
Wer das Buch „Der weiße Neger Wumbaba“ und seine beiden Nachfolger von Axel Hacke gelesen hat, der weiß um die Vielfältigkeit von Verhörfehlern bei Liedern und Texten, die oft schon aus der Kindheit stammen und uns zuweilen ein Leben lang begleiten. So lernt man auch von bestimmten Angst einflößenden Phantasiewesen, vor denen Kinder sich fürchten: dem „Kinder-Lehmann“ zum Beispiel, der angeblich kam, wenn man in oder an schmutzigen Gewässern spielte – gemeint war aber die Kinderlähmung! Nun, man lese die kleinen Büchlein selber – Nichts zu danken, Herr Hacke! – , aber hiermit konnte ich hoffentlich klarmachen, dass es in der Kinderphantasie unvermeidbare Schreckgespenste gibt.
Ein Mirakel meiner Kindheit waren die drei Muskeltiere. Immer wenn der Film nach einem Roman von Alexandre Dumas im Fernsehen angekündigt worden war – und das war damals, weil´s nicht viel anderes gab, des Öfteren – , wartete ich auf das Erscheinen dreier kräftiger, gehörnter Stiere, aber es kamen immer nur elegante Helden auf ebenso eleganten Rössern, die wohl kaum gemeint gewesen sein konnten. Am Ende des jeweiligen Films verwunderte mich deren Ausbleiben so sehr wie das Ausbleiben jeglichen Kommentars meiner Eltern, die ja wohl auch gemerkt haben mussten, dass der Film nicht brachte, was er versprach.
Mein zweiter General-Verhörer war die Atomsphäre, und da machte es schon noch einen Tick mehr Sinn zu glauben, die Atmosphäre sei eigentlich so benannt – immerhin stimmte es physikalisch irgendwie. Das waren Fehlinterpretationen, von denen niemand außer mir wusste.
Vermeidbar hingegen – und davon will ich berichten – war, was meine Familienältesten mir im zarten Kindesalter vorgesetzt haben und was zu einer recht lange andauernden Angst geführt hat, die Gott sei Dank heute überwunden ist.
Ich muss drei oder vier Jahre alt gewesen sein – jedenfalls sehr jung –, als ich der Eselbeschwörerin, meiner Urgroßmutter Berta, das erste und zugleich das letzte Mal im Leben begegnete. Sie war über achtzig Jahre alt und sehr krank.
Hospitäler gewährten zu jener Zeit Kindern eigentlich gar keinen Zutritt, jedenfalls nicht als Besucher, und auf Erwachsenenstationen schon gar nicht. Vielleicht aber war es ein Herzenswunsch der alten Dame, ihre Urenkelin noch einmal zu sehen, jedenfalls durfte ich kurz mit auf ihr Zimmer. Ich habe nur verschwommene Erinnerung; soweit ich mich aber entsinne, war sie eine recht groß gewesene, jetzt ziemlich abgemagerte Frau mit einem dünnen Dutt am Hinterkopf und sehnigen Händen. Woran sie litt, war ein Darmverschluss.
Das wusste ich aber nicht, und weil man meinte, mir diese Maladie auch nicht hinreichend erklären zu können, erfand man die Geschichte vom verschluckten Kirschkern, der die alte Frau in solch ein schreckliches Leiden gestürzt habe. Dies wiederum stürzte nun mich in eine arge Notlage. Die trat aber erst lange nach dem Krankenhausbesuch bei meiner Ahne zutage, als ich – wie ich es oft und gerne im Frühsommer tat und auch heute noch gerne tu´– Kirschen aß. Natürlich verschluckte ich dabei einen Kern, und der brachte eine Welle der Panik in mir ins Rollen: Nun war ich dran!
Ich glaube, ich habe seinerzeit nichts vom mir unmittelbar bevorstehenden Elend und – in meiner Vorstellung – unausweichlichen Sterben durchsickern lassen. Ich litt still und wollte Mutter und Großmutter schonen, während ich heldenhaft mein vermeintliches Schicksal erwartete.
Die Tatsache, dass ich letztlich den Kern überlebte, beruhigte mich keineswegs, denn nun sah ich mich einzig als die Ausnahme von der Regel, wonach ein verschluckter Kirschkern zu Krankheit und eventuell sogar Tod führen würde.
Nun ja, der Rest ist leicht erzählt: Natürlich wurde ich einige Jahre später darüber aufgeklärt, dass die Uroma nicht daran gestorben war. Trotzdem hielt sich die Panik nach jedem versehentlich in Gänze verschlungenen Steinobst noch bis in meine frühen Erwachsenenjahre, denn trotz des offenbar tief sitzenden Traumas wollte ich von den geliebten Früchten auch nicht lassen.
Als ich dies einmal vor Jahren meiner Mutter erzählte, war sie sehr verwundert und bedauerte es sehr, mir als Kind solch einen Angstreflex eingegeben zu haben.
Man sollte die Fähigkeit von Kindern, Sachverhalte zu verstehen, nicht unterschätzen. Manchmal erzielt der Wille zur Schonung einen ganz umgekehrten Effekt ... und, wie ich mit meinem Fall darstellen wollte, gänzlich unnötiges Seelenleid.
FB - Fußnote 37 - ZdW Seite 26 ff - ganzes Kapitel
Dialekt-isches
Wie Sprache prägt
Ein Bekannter von mir hatte es drauf – und das, obwohl er Priester war – , auf Berlinisch den frechen Spruch im Munde zu führen: „Praktisch denken – Särje[1] schenken! Een Sarch braucht jeder ...“.
Und obwohl man den Spruch als ein wenig pietätlos empfinden konnte, so stimmte er doch ganz auffallend. – Kennt Wahrheit überhaupt Pietät?
Aber das wollte ich ja eigentlich gar nicht erzählen, sondern von meiner Oma, die aus dem Sächsisch-Anhaltinischen stammte.
Sie sprach einen eigenartigen Dialekt, und in dem fanden sich viele Wörter, die hier und heute kaum einer mehr kennt beziehungsweise nicht in der ihnen in meiner Kindheit innegewohnt habenden Bedeutung – drücke ich mich klar aus?
Bei uns wurde zum Beispiel oft gedrascht[2]. Ging ich meiner Mutter oder Oma auf die Nerven, dann war ich für sie wie ein Blutschwerm[3]. Hörte ich mit der Nörgelei nicht auf, bekam ich schon mal eine gedachtelt[4].
War man lieb oder hungrig oder beides, dann bekam man eine Bemme[5].
Täglich lauerte[6] ich auf meinen Opa, der nachmittags mit dem Moped von der Arbeit kam. Um besser sehen zu können, schob ich die Hitsche[7] ans Fenster. Manchmal sah man dort ein Mutschekiepchen[8]. Immer wieder zu fragen, wann Opa denn endlich kommt, machte meine Oma nersch[9]. Sie schierte[10] lieber erst mal die Glut zusammen und setzte die Bulljong auf, während sie mich schickte, die Abfälle auf den Jump[11] zu werfen. Wenn Opa dann endlich kam, ditschten[12] wir Semmeln[13] und abends gab es Püffchen[14].
Die berlinerisch verballhornte Bulljong hat übrigens keine Fußnote, weil sie ja aus dem Französischen kommt und jedem bekannt sein dürfte – steht aber hier bezeichnend für die Art und Weise, in der meine Oma mit Fremdwörtern unterschiedlichster Ursprungssprachen umzugehen wusste.
In unserem Hause wurde von Tufflekott und Kornettbeff, von Manschester, Higiene und Dessert gesprochen (Betonung durch Unterstreichung markiert).
Mit Manchester war der Stoff gemeint, der in der gleichnamigen Stadt hergestellt wurde – heute sagt man Cord. Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass der Aussprachefehler, der das Dessért (also die frz. Nachspeise) zum dessert (also die engl. Wüste) macht, Johns irischer Mutter, die des Englischen mächtig und mit Wörtern wie Dufflecoat und Corned Beef vertraut war, ganz genauso unterlaufen ist.
Zur Ehrenrettung meiner Oma muss man sagen, dass sich an Wörtern wie Higiene eine Behinderung der Zunge zeigte, die physischer Natur war und ihr bis ins vorgerückte Alter verborgen geblieben war: ein zu lang angewachsenes Zungenbändchen, welches von ihr an die nächsten Generationen weitervererbt und allerdings bei mir und meinen Nachfahren korrigiert worden ist.
Um die Liste einigermaßen komplett zu machen, muss ich noch den Schmesert1 erwähnen, den meine Mutter nicht nur stets im Mund führte, sondern auch gnadenlos verfolgte; ebenfalls den Kanker2. Wenn ich heute beim Anblick eines Marienkäfers – englisch sehr poetisch Ladybird genannt – das Wort Mutschekiepchen fallen lasse, habe ich für Kenner deutscher Dialekte meine Herkunft schon verraten.
„Schreib´ nicht solchen Kiki!“, würden Oma und vielleicht auch Mutter jetzt ausrufen. Für Kiki kann ich wider besseren Wissens wirklich nur vermuten, dass es eine Wortschöpfung ihrerseits war, die mit „Unfug, Unsinn“ umschrieben werden könnte. Es würde sie allerdings nicht stören, dass ein Nachbar hier im Dorf seine kleine, zu viel Unfug aufgelegte Ziege „Kiki“ genannt hat, und freuen würde es sie, dass ich jetzt immer an meine Oma denke, wenn ich Kiki auf der Weide begegne.
[1] berlinerisch für: Särge
[2] gerast, geeilt
[3] …???… Der Blutschwerm, dieses unbekannte Wesen, hat sich mir nie
erschlossen; er ist einfach svw. unerträglich, aufdringlich, massenhaft,
belästigend
[4] runtergehauen
[5] Schnitte, berl.: Stulle, fälschlich manchmal auch: ein Brot („Ich mach´mir
ein (Butter-)Brot.“)
[6] wartete
[7] Fußbank
[8] Marienkäfer
[9] närrisch, svw. „Mach mich nicht verrückt!“
[10] schob, kehrte
[11] Abfall, Kompost
[12] auch: titschen, svw. tunken
[13] Brötchen, „Leipziger“ Doppelbrötchen, berl.: Schrippe
[14] nicht etwa ein kleiner Puff, sondern belegte Bemme (siehe diese), in
kleine Würfel geschnitten
1 dicke, brummende Stubenfliege
2 Spinne
FB - Fußnote 44 - ZdW Seite 54 - Auszug
An meiner Oma komme ich – wie man ja schon las – in diesem Buch auf keinen Fall vorbei. Und das will ich auch gar nicht. Hauptsächlich durch sie kam ich zu verschiedenen Wahr- und Weisheiten, besonders wenn es um sogenannte „Respektspersonen“ ging. Meine Oma hat in ihrem Leben nicht nur in ihrem Beruf als Schneidermeisterin viel erlebt, aber als solche erlebte sie manchmal nicht Alltägliches.
Als Herrenmaßschneiderin hatte sie schon Menschen unterschiedlichsten Standes an deren verschiedensten Teilen vermessen, und ihre vornehmste Aufgabe am Kunden war die einleitende Frage, ob der Herr Links- oder Rechtsträger sei. Denn es war unerlässlich, dass das Beinkleid – egal was unter ihm physiologisch vor sich ging – optisch nichts davon preisgab. Mithin hätten Blue Jeans bei ihr, die ansonsten selbst im höheren Alter allem Modernen aufgeschlossen war, nicht den Hauch einer Chance gehabt.
Daher hatte meine Oma eine Ahnung sowohl von punktuell stark auftretenden Abweichungen wie auch von der allgemeinen Gleichbeschaffenheit der Menschen. Wäre sie eine Berlinerin gewesen, hätte sie es sicher so ausgedrückt: „Die ham ooch alle nur zwee Arme, zwee Beene un´n Kopp!“ Da sie aber aus Merseburg kam und sich auch sonst etwas gewählter ausdrückte, gab sie mir mit auf den Lebensweg: Käme mir mal ein Mann dumm oder aufgebläht, sollte ich mir diesen einfach in der Unterhose vorstellen oder auf dem Klo. Denn: „Da muss sogar die Königin von England hin, wenn sie muss!“
FB - Fußnote 72 - ZdW Seite 37 ff - ganzes Kapitel
Schwalben, Söckchen, Stangeneis
Kindheit in Köpenick
Vor vielen Jahren, schon erwachsen, schrieb ich das folgende, ein wenig resignierte, Gedicht:
In meinen Träumen
gibt es noch
das Windgedicht im Feld
und den Käfermai
der Kindheit.
Wenn auch die jungen Schwalben ziehen,
bleibt nur das Heute nah bei
mir ...
Nur manchmal noch
– in Juninächten –
lockt grünes Phosphorglimmen
im Gras.
Da hatten wir das Waldsterben fast schon hinter und Ozonloch und Klimakatastrophe noch vor uns. Da nostalgierte Reinhard Mey: „Es gibt keine Maikäfer mehr!“
Da gab es wirklich kaum mehr Glühwürmchen.
Da war auch die Zeit der Kindheit vorbei: die Nach-Nachkriegszeit, wo es wenig gab, man zum Teil noch auf Lebensmittelmarken einkaufte und doch alle irgendwie schon zufrieden waren. In Berlin standen noch Ruinen, die man von der S-Bahn aus sah. An der Jannowitzbrücke zum Beispiel konnte man direkt in die ausgebombten Zimmer mit Tapeten- und Fliesenresten an den Wänden hineinblicken und am Betriebsbahnhof Rummelsburg türmte sich ein Trümmerberg – riesig und scheinbar für die Ewigkeit. Da roch es schon ganz lange nicht mehr nach Brand. Da war noch viel Zeit für Träume und Enttäuschungen. Heute wachsen in Rummelsburg statt des Schuttberges schon seit Jahrzehnten große Bäume.
Ich hatte das Glück, zumindest in den ersten sieben Jahren mit Begeisterung in die Schule zu gehen und tolle Lehrer zu haben. Das fing schon mit der Vorschule im damaligen „Institut für Lehrerbildung“ an, zu der ich stets mit Freude im Herzen sowie Knete, Buntstiften und Legestäbchen im Folklorebeutel ging. Unsere erste Klassenlehrerin war noch ganz jung, und jeder aus der Klasse konfrontierte seine verblüfften Eltern mindestens einmal in den ersten drei Schuljahren mit dem Wunsch, von ihr adoptiert werden zu dürfen.
Der Musiklehrer hingegen war eine Respektsperson. Er wartete nicht nur mit einer Haarmähne und einem Habitus á la Beethoven auf, sondern hielt seine Musikstunden auch stets am großen Flügel sitzend ab und eröffnete immer mit einem Wunschmusikstück aus dem klassischen Repertoire. Oft war das bei uns „Fröhlicher Landmann, von der Arbeit heimkehrend“, und unser Lehrer befriedigte stets diese Nachfrage, kopfschüttelnd über die Tatsache, dass wir uns an dem Stück nicht satthören konnten und zugleich immer wieder aus unerfindlichen Gründen an einer bestimmten Stelle der Musik plötzlich alle laut lachen mussten. Vortragen mussten wir natürlich auch zum Flügel, und da lachte dann keiner mehr!
In diese Zeit fällt die deutliche Erinnerung an ein großes Bild, das eines Tages im Treppenhaus des Instituts stand. Es zeigte den Kosmonauten Juri Gagarin und hatte einen Trauerflor.
Unser Lehrer im Werken hatte im Krieg ein Bein verloren und ging daher an Krücken, was ihn nicht hinderte, uns so toll und anschaulich in allen handwerklichen Techniken zu unterrichten, dass ich noch heute oft an seine Anweisungen denke, wenn ich mit Werkzeug hantiere. Jeder, der in diesem Fach auf dem Jahreszeugnis eine Eins bekam, durfte mit ihm in seinem Angelkahn auf die Köpenicker Gewässer fahren – eine Sache, die heute schon aus versicherungstechnischen Erwägungen undenkbar wäre –, und wenn wir dann vom Boot aus gemeinsam schwammen, konnten wir den nackten Stumpf seines Beines und die Narbe sehen. Es war im ersten Moment etwas gruselig, wurde dann aber so natürlich, dass ich nie mehr wirklich Probleme hatte, bei Verstümmelungen hinzusehen.
Die letzte Lehrerin, die mir wirklich viel bedeutete, war meine Sekundar-Deutschlehrerin, die mich als Einzige in meinen literarischen Bemühungen ernst nahm und sicher das Samenkörnchen in mich pflanzte, welches letztendlich und nach einem langen Weg zu diesem Buch geführt hat.
Doch genug der Schule, was konnte schöner sein als Ferien? Dabei war es mir als Kind, im Gegensatz zu heute, völlig egal, ob es Sommer oder Winter war.
Was hatten wir Schnee! Meterhoch war er, jedes Jahr. Ich erinnere mich eines Kindheitswinters, wo die geschippten Schneemassen zwischen Bürgersteig und Fahrbahn zu Schneewänden aufgetürmt und jeweils an den Hauseingängen Durchgänge gelassen wurden, damit man die Straße überqueren konnte. Aus dem Haus in Rangsdorf bei Berlin kamen meine Großeltern nur noch durch´s Fenster.
In den Frühlingen leuchtete dann der Rotdorn, und die jungen Lindenblätter strahlten sogar nachts im schwachen Gaslaternenlicht. Oft kam morgens ein Mann mit einer langen Stange, der noch brennende Laternen manuell löschte.
Überhaupt, der Rotdorn: Er begleitete mich durch meine Kindheit. In einem Jahr bescherte er uns eine regelrechte Raupenplage. Ich erinnere mich, dass sich die Tierchen massenhaft auf Hüte, Jacken und Mäntel der unter den Bäumen entlanggehenden Leute herunterließen.
Und dann die Sommer: sonnig, warm; mit Duft verströmenden Balkonpetunien und Abendhimmeln voll von spitz schreienden Schwalben.
Im Übergang vom Frühjahr zum Sommer konnte man es kaum erwarten, von der überbesorgten Mutter die Erlaubnis zu erhalten, wieder in Kniestrümpfen oder gar in Söckchen zu gehen und Sandalen anzuziehen. Dieses Gefühl der Befreiung war außerordentlich; warum fühle ich es heute nicht mehr? Wohin ist uns das verlorengegangen?
Unsere Straßenspiele waren immer die selben, also aus heutiger Sicht langweilig. Uns aber konnte es nicht zuviel werden mit Spielen wie „Herr Fischer, Herr Fischer, wie tief ist das Wasser“, Seilspringen und, ein wenig später, Gummihopse. Die Sackgasse war dazu bestens geeignet. Auch wurden wir regelmäßig unterhaltsam unterbrochen: Mal war es der Leierkastenmann, mit dem wir Kinder dann von Hof zu Hof mitzogen und für den wir die aus den Fenstern geworfenen, oft in Zeitungspapier eingewickelten, Münzen aufhoben. Oder es kam der Scherenschleifer mit seinem Fahrrad, das er flugs umdrehte und in eine Schleifapparatur verwandelte.
Der Höhepunkt aber war der Eismann. Ich meine den Stangeneismann. Er brachte riesige gefrorene Wasserbalken; zurechtgesägt so, dass sie bei denen, sie sich glücklich schätzen konnten, einen zu besitzen, in den Eisschrank passten. War der Besteller des Eises nicht zu Hause, wurden die Blöcke vor´m Haus am Rand des Bürgersteigs abgelegt.
Auch wenn die Mutter es strengstens verboten hatte, weil das Eis ja nur zum Kühlen und deshalb aus „schlechtem“ Wasser hergestellt war: Es war eine Versuchung, daran zu lecken. Müßig zu sagen, wir leckten natürlich dran ... Und keiner bekam Bauchweh oder lebensgefährliche Bakterien und andere Erreger ... und wir leben alle noch.
Die Sommer meiner Kindheit aber, mit Schwalben, Söckchen und Stangeneis; mit Rotdorn, Leierkasten, Gaslaternenauslöscher und Scherenschleifer – die hat die neue Zeit gefressen.