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Ein wahres Märchen


Das Märchen von der vergessenen Prinzessin, den drei Stiefschwestern und dem zimtgoldenen Hund

Es war einmal, in einem anderen Jahrhundert, ein König und eine Königin. Eine lange Zeit versuchte die Königin, ein Kind zu empfangen, nur konnte sie es nicht. Es bedurfte des Hofmedikus, der ein kleines medizinisches Problem beheben musste, damit die Königin schwanger werden konnte. Und so wurde ihr einziges Kind geboren, ein Mädchen. Und weil die Königin ihr immer und immer wieder erzählte, wie schwierig es gewesen war, sie zu empfangen, wusste die Prinzessin, dass sie ein Wunschkind war.

Die Prinzessin wuchs zunächst sehr behütet auf, in einer Welt, die geprägt war von Sicherheit und Luxus. Aber da sie keine Geschwister hatte, und da es auch keine große Familie gab, war sie oft sehr einsam. Hinzu kam, dass der König, ihr Vater, oft auf die Jagd ritt, manchmal tagelang nicht im Schloss weilte und die Prinzessin so nur mit der Mutter und gelegentlich noch mit den alten Großeltern Kontakt hatte. War der Vater einmal da, so schlief er, da er die Nächte durchgeritten war, und die Prinzessin musste sehr leise sein, um ihn nicht zu wecken.

Als die Prinzessin sechs Jahre alt war, verkündete der Vater, dass er für eine Weile in ein entlegenes Land reisen müsse, weil dort ein Krieg herrsche und er, der König, gerufen wurde, um einen möglichen Frieden zu vermitteln. So kam es, dass die Königin und ihre Tochter nur noch per berittenem Boten dann und wann Nachricht von den Abenteuern des Königs im fernen Land erhielten.

Das änderte sich nach etwa einem Jahr. Die Botschaft war vom König selbst geschrieben, nicht von seinem Sekretär. Der König teilte seiner Frau und seiner Tochter mit, dass er sich im fremden Land neu verliebt habe und für diese neue Liebe seine Ehefrau und seine Tochter verlassen werde. An diesem Tage brach für die stolze Königin und die Prinzessin eine Welt zusammen.

Von nun an war das Leben für das Königskind ein völlig anderes. Ihr wurde verboten, im eigenen Land auch nur ihren Vater zu erwähnen oder darüber zu sprechen, was passiert war. Nur die alten Großeltern waren eingeweiht. Die Königin wollte die unerfreulichen Neuigkeiten unbedingt vor den Untertanen geheim halten. Sie selber tat in der Öffentlichkeit so, als sei nichts geschehen. Im Schloss aber herrschte eine dunkle Stimmung. Die Königin weinte häufig und vermied jeden Kontakt mit ihrer Tochter. Denn tief in ihrem Herzen glaubte sie, dass nur die Existenz ihrer Tochter sie daran gehindert hatte, gemeinsam mit ihrem Mann in das ferne Land zu reisen, und dass es nur so möglich gewesen war, dass der König sich in eine andere Frau hatte verlieben können.

Eines Abends schlich die einsame kleine Prinzessin durch die dunklen kalten Säle des Schlosses, als sie in einem Raum Licht sah und Stimmen hörte. Es waren die Stimmen der Königin und deren Mutter, ihrer Großmutter. Das Mädchen lauschte und konnte gerade noch hören, wie die Mutter zur Großmutter sagte, dass sie sich das Leben nehmen und dass sie ihre Tochter mit in den Tod nehmen wolle. Das erschreckte die Prinzessin sehr, und fortan war sie ständig auf der Hut, dass ihrer Mutter und ihr selber kein Unheil geschehe. Das Mädchen fühlte sich schuldig an all dem Unglück, und sie lebte von nun an in ständiger Angst.

Die Königin nahm sich nicht das Leben, aber die Tochter, längst ihres Standes als Prinzessin beraubt, fühlte sich nun verantwortlich für das Schicksal ihrer Mutter. Und egal wie viele Nervenzusammenbrüche diese hatte oder wie oft die Großmutter ihr immer wieder vorhielt, was für ein Strolch und mieser Charakter doch ihr Vater war, immer versuchte sie die Schuld, die sie fühlte, zu erleichtern, indem sie versuchte ihre Mutter zu beschützen und die beste denkbare Tochter zu sein, die eine Mutter sich nur wünschen konnte. Doch egal welche hervorragenden Leistungen sie beim Lernen und in den Künsten zeigte, nimals fühlte sie sich akzeptiert oder gut genug.

Unnötig zu sagen, dass der Prinzessin seit der Trennung der Eltern jeder Kontakt mit ihrem Vater, dem nun mit einer anderen Frau verheirateten König, strengstens verboten war.

So wuchs die Prinzessin zu einer jungen Frau heran, und je tiefer sie Einblick in die Psyche ihrer Mutter gewann, umso mehr entfernte sie sich gefühlsmäßig von ihr. Eines Tages schaffte sie es, sich von der alternden Königin zu lösen und ihr eigenes Glück mit einem jungen Mann, der von seinem Stand her in keiner Weise den Vorstellungen ihrer Mutter entsprach, zu suchen.

Die Prinzessin bekam einen Sohn, und nachdem sie sich von ihrem ersten Mann wieder getrennt hatte, nahm sie sich einen Mann, der der Königinmutter wieder nicht gefiel, denn er war um einiges älter als sie selber, er war sogar älter als der alte König. Unbewusst hatte die Prinzessin sich in ihrem neuen Lebenspartner ein Abbild ihres Vaters gesucht. Und damit nicht genug: Seit die Prinzessin erwachsen war und selber entscheiden konnte, pflegte sie wieder Kontakt mit ihrem Vater und seiner zweiten Frau. Die Königinmutter schäumte vor Wut, und um dem Ausdruck zu verleihen, ließ sie in ihrem Königreich Briefe an ihre Tochter anschlagen, die ein jeder lesen konnte und in denen sie ihre eigene Tochter ansprach wie eine Fremde.

Immer wieder bemühte sich die Prinzessin um einen guten, vernünftigen Kontakt zu ihrer Mutter, aber nur mit mäßigem Erfolg. Als die Partnerschaft der jungen Frau mit dem älteren Mann wiederum zerbrochen und ihr Sohn volljährig war, zog sie übers Meer in ein fernes Land, um dort ein ganz neues Leben zu beginnen.

Aber die Schatten der Vergangenheit ließen sie nicht los. Noch hatte sie Kontakt zum alten, kranken König, ihrem Vater, und der wünschte, die Tochter noch einmal zu sehen. So wurde ein Besuch vereinbart. Der König wollte die Prinzessin und ihre neue Liebe binnen einer Woche sehen und beauftragte die fähigsten Köche seines Königreiches, ein Festmahl zu kochen.

Allein, dazu kam es nicht mehr. Das kranke, strapazierte Herz des alten Königs gab auf, wenige Tage vor dem vereinbarten Besuch der Tochter. Sie erfuhr aus der Depesche eines von ihrem Sohn geschickten berittenen Boten von der traurigen Nachricht.

Die Prinzessin reiste zur Beerdigung ihres Vaters in das ferne Land, aber sie wurde dort von der Witwe ihres Vaters sehr unfreundlich empfangen. Das erste was die kalte Königinwitwe sagte war, dass die Stieftochter gar nicht denken solle, dass es irgendetwas zu erben gäbe. Aber die Prinzessin wollte gar kein Gold oder Geld, sie wollte nur ein Andenken an ihren Vater, vielleicht ein Kleidunsstück oder einen anderen persönlichen Gegenstand, und ein Bild ihres älteren Vaters. Beides wurde ihr versprochen, aber nichts davon erhielt sie, und so stand sie am Ende mit leeren Händen da. Nach der Beerdigung hatte die verwitwete Königin alles, was der Vater einst besaß, in das Reich ihrer Vorfahren bringen lassen und hatte dann fluchtartig selber das Königreich, das beide bis dahin regiert hatten, verlassen. Es wurde nie wieder etwas von ihr gehört.

Dann, zwanzig Jahre später, starb auch die leibliche Mutter der Prinzessin. Sie war alt und verwirrt gewesen und eines Nachts von den Zinnen der Burg gestürzt.

Mittlerweile war die Mutter schon lange wieder mit einem älteren Mann verheiratet gewesen. Der erbte die Hälfte des Königreiches von seiner verstorbenen Frau. Aber noch bevor er das Erbe überhaupt antreten konnte, noch vor Halbjahresfrist, starb auch er.

Die Prinzessin wollte eigentlich gar nichts mehr mit all dem zu tun haben, so sehr fühlte sie sich verletzt durch die Erlebnisse ihrer Kindheit und Jugend und durch die Rolle und ihre Rechte als Tochter, die man ihr bis hierhin stets verwehrt hatte. Aber der zweite Mann ihrer Mutter war ein milder Mensch gewesen, der, kurz bevor er selber starb, die Prinzessin einlud, sich mit ihm zu treffen und ihrer beider Erbschaft vernünftig und im Sinne seiner verstorbenen Frau und in seinem eigenen Sinne zu regeln. Denn, so erzählte er der erstaunten Prinzessin, ihre Mutter hatte wohl gegen Ende ihres Lebens doch eingesehen, dass sie ihrer Tochter sehr viel Leid und Unrecht zugefügt hatte, und sie wollte es wieder gutmachen.

Nun aber hatte der Tod nicht nur sie, sondern auch ihren Witwer vor der Zeit hinweggeholt. Und wieder stand die Prinzessin alleine da.

Und dann musste sie lernen, dass der zweite Ehemann der Mutter vor der Ehe mit ihr in drei anderen Reichen jeweils eine Frau, und mit jeder dieser Frauen jeweils eine Tochter hatte. Mit seinen Töchtern aber verstand er sich nicht, und sie kannten sich untereinander auch kaum.

Auf einmal waren da also neben der Prinzessin drei Halbschwestern, denen der Vater ziemlich egal war, aber nicht das mit seinem Tod entstandene Erbe. Denn dieses Erbe bestand, da die alte Königin vor ihm gestorben war, nicht nur aus dem Besitz des Vaters, sondern zusätzlich aus der Hälfte des Königreiches seiner Frau, dem eigentlich rechtmäßigen Erbe der Prinzessin. Und ein Königliches Testament existierte, trotz allen von der Königinmutter vor ihrem Tode geäußerten Absichten, nicht.

So wurde entschieden, dass der Prinzessin nur der allerkleinste Betrag aus dem gesamten Erbe des Königsreiches zustünde, und nicht einmal ein Recht auf das Schloss, in dem sie aufgewachsen war, bestand. Dieses und den Rest des Erbes teilten sich die Stief-Halb-Schwestern.

Die Prinzessin war sehr enttäuscht. Da waren zwei Menschen gewesen, die ein einziges Kind hatten – ein Wunschkind. Und dieses Kind hatte nicht nur alle Schuld in ihrer Seele zu tragen, sondern hatte im Gegenzug nichts vom Vater und nur sehr wenig von der Mutter zurückbekommen, während sich fremde Töchter fremder Eltern über eine ansehnliches Erbe freuen konnten. Sie hatte nicht einmal das Recht gehabt, noch einmal in Ruhe durch das Schloss, den Ort ihrer Kindheit, zu gehen, die Dinge ihrer Mutter zu sichten und innerlich in Ruhe Abschied zu nehmen.

Als sie da so saß, war sie sehr traurig. Sie schaute auf Bilder vom Schloss und auf einige persönliche Bilder und Spielzeuge aus ihrer Kinderzeit, die man ihr nicht hatte verwehren können.

Da spürte sie auf einmal etwas Weiches und Warmes. Es war ein zimtgoldener Hund, der lautlos gekommen war und seine Schnauze sanft auf ihr Knie gelegt hatte, während er der Prinzessin mit seinen goldbraunen Augen direkt ins Gesicht schaute und ihr dabei tief in die Seele zu sehen schien. Es war ihr geliebter Hund und ständiger Begleiter mit Namen „Cinnamon“.

Da fühlte sich unsere Prinzessin plötzlich ganz leicht und gleichzeitig tief verstanden. Und sie wusste auf einmal wieder, dass man weder Mitgefühl noch einen guten Charakter, weder Gesundheit noch Glück oder Zufriedenheit, keine Freiheit und schon gar nicht Zuneigung oder gar Liebe, kaufen kann – für keinen Besitz, kein Königreich und kein Geld der Welt ....